Staffel 1

 

Die Welt wie Yana sie kannte ist nicht mehr. Alles hat sich verändert, das Blut in ihren Adern ist sprichwörtlich nicht mehr rot. Sie wird zur Requianerin, verliert den Status eines Erdbewohners und damit auch all ihre Wurzeln.

Gemeinsam mit ihrem Seelenband beginnt die aufregende Reise, in welcher sie nicht nur sich selbst retten muss, sondern auch einem ganzen Planeten die Treue schwört - Aurelis.

Aber kann das Unmögliche machbar gemacht werden? Die Feinde sind stärker als sie, älter als sie, magisch begabter als sie ... Sie hat nur einen Vorteil, und den spielt sie eiskalt aus: Sie denkt wie ein Mensch, handelt wie ein Mensch - kämpft wie ein Mensch ...

01

HEIMKEHR

02

ERKENNTNIS

03

OFFENBARUNG

04

VERZWEIFLUNG

05

F/S 2020

06

H/W 2020

LESEPROBE BAND 1 - Heimkehr

Prolog

 

Kalt kroch der Wind über die Mauern von Erudins Hort. Die Burg war der steinerne Höhepunkt von der Hauptstadt der Kokuas – der Stadt der tausend Ecken. Mit Wehrtürmen von unermesslicher Größe, Hallen, die einem Menschen vor Ehrfurcht erstarren und steinernen Figuren, die so manchem Mann das Herz etwas sinken ließen. Aber all diese Dinge ließen Prinz Theobald, Sohn des in seinen Augen mächtigsten Königs auf Aurelis, kalt.

Natürlich, es gab böse und zynische Gerüchte über sein Heim. Leise wurden sie in den Gassen weitergetragen, immer hinter vorgehaltener Hand, damit kein Soldat oder königsgetreuer Gefolgsmann sie hörte. Doch der letzte, siegreiche Krieg, hatte die Skeptiker verstummen lassen. Nun war sein Vater unantastbar geworden.

Das Volk – dieser unwürdige Mischhaufen, welcher sich Kokua nannte - vergötterte das Blut der Erde und dessen Gattin, Theobalds Mutter, die Träne des Mondes. Was der König verlangte, wurde getan. Was er wünschte, blindlings erfüllt. Zufriedenheit durchströmte den Prinzen – ein erhabenes Gefühl, das ihn selten heimsuchte. Er war stolz darüber, ein Teil dieses Imperiums zu sein.

Stolz, das alles irgendwann einmal zu erben.

Aus dem schmalen, hochgeschnittenen Fenster blickend, lag die Stadt der tausend Ecken in erschreckender Tiefe vor ihm. Doch Theobald empfand keine Angst vor der Höhe. Ein Sachverhalt, der sich bezüglich seines Meisters bedauerlicherweise ganz anders darstellte.

Meister Vinda hatte für sich den Südturm von Erudins Hort als Lehr- und Wohnstätte einrichten lassen. Bücherregale, vollgeräumte Tische, harte Stühle aus Kerbenholz, Alchemistenkram, mathematische Projekte, Baupläne, Erfindungen. Die Räume sahen wie die Wirkstätte eines Verrückten aus. Aber Meister Vinda war leider kein verrückter, alter Kauz. Theobalds Vater bezeichnete den Mann als ein Genie. Einen wahren Meister, anderen Meistern weit überlegen. Und die Tatsache, dass sein Vater Meister Vinda mit Respekt bedachte, machte ihn für Theobald unantastbar.

Seufzend glitten die Augen des Knaben vom Spiel des Lichts in der Wolkendecke wieder hinab zur Hauptstadt seines zukünftigen Reiches. Angrenzend an das Herz – Erudins Hort – befand sich der sogenannte erste Ring – bewohnt von den Burgnahen. Hier lebten die Menschen, die dem König besonders wichtig waren. Sie konnten im Notfall (sollten die anderen drei Ringe fallen) Schutz in der Burg suchen. Von diesem mit Gassen und Winkeln durchzogenen Reich, gab es vier Hauptstraßen, die einem Spinnennetz gleich die Blutlinien der Stadt darstellten. Sie waren die einzigen Verbindungen zwischen den Ringen und führten den Reisenden wie den Anwohner zu den mächtigen Wehrmauern, die mit Ausnahme der vier Tore mit furchterregender Höhe aufwarteten und die Ringe der Stadt voneinander trennten.

So auch den Ersten vom Zweiten. In jenem lebten die Händler, Feilscher und Geldgeber. Auch ein paar erwünschte Lusthäuser und Gasthöfe waren zu finden. Beschützt von einer neuerlich imposanten Schutzmauer wechselte man durch die Tore der Himmelsrichtungen in den dritten Ring.

In diesem Ring durfte sich Prinz Theobald jedoch nicht bewegen. Auch nicht mit seiner Leibgarde. Dieser Ring war dem arbeitenden Volke zugewiesen. Jene, die das Leder garben oder Holz bearbeiteten. Jene, die mit den Händen zu vollbringen hatten, was Theobald eines Tages durch Magie innerhalb eines Atemzuges erschuf. Oh, er verachtete diese Menschen. Sie konnten an der Energie des Planeten nicht andocken. Weniger als das. Sie waren wie lästige, kleine Insekten. Sie saugten dem Planeten die Geister aus, gaben aber nichts zurück.

Nein. Diesen dritten Ring würde Theobald eines Tages abschaffen lassen. Diesen und den letzten. Denn die Taugenichtse, die den vierten Ring bewohnten, waren reiner Abschaum und vollkommen wertlos. Sie waren Huren und Bettler, Krüppel, Arme und Verhungernde, Kranke, Siechende, Leidende. Sie waren der Abfall dieser städtischen Ordnung. Wer einmal im vierten Ring landete, kam nie mehr aus diesem Rattenloch hervor.

Man hätte den dritten und vierten Ring ebenso nach Moquar verbannen sollen. Für was brauchte man die noch? Aber sein Vater sagte immer: Theobald, wenn wir angegriffen werden, wird der vierte und der dritte Ring den Angriff bremsen. Sie geben uns Zeit, Schutz für die zu schaffen, die überleben sollen.

Aber, wenn man nicht angegriffen wurde – wer würde diesen Abschaum dann reduzieren?

 

„Theobald, lasst mich euch etwas vorlesen.“

Der junge Prinz sah gelangweilt zurück in den Raum seines Meisters. Er war erst zehn, von gebrechlicher Statur und mit durchdringenden, schwarzen Augen gesegnet. Seine Haut hatte den Farbton von wässriger Milch und wie sein Vater, besaß er keine Körperbehaarung. Weder Haupt, Brauen noch Augen wurden bei ihm mit Härchen geschützt. Dafür waren seine langgliedrigen Finger in weite Robenärmel gehüllt, sein Haupt von einer tief sitzenden Kaputze bedeckt und sein Körper von feinsten, schwarzen Robenstoffen umhüllt.

Das Sonnenlicht vertrug sich nicht mit seiner Haut. Er und sein Vater wären kälteren Temperaturen nicht abgeneigt gewesen – aber seine Mutter und Dunja würden bei diesen Temperaturen sterben. Seine kleine Schwester, die Prinzessin des Reiches, war ganz nach ihrer Mutter gekommen. Körperlich wie seelisch.

Schwach – dieses Wort fiel Theobald als erstes ein, wenn er an sie dachte. Aber das stimmte nicht ganz. Dunja war einfach – anders. 

„Was diesmal?“

Gelangweilt gähnte Theobald. Er hatte Meister Vinda schon den halben Vormittag in Rechnen, Schreiben, Philosophie und Sternenkunde genossen. Aber seine Gedanken waren nicht bei Sonnensystemen und Sternbildern, Redewendungen oder Berechnungen. Sie waren bei seinem Vater und der, wie er es nannte, endgültigen Reinigung der Völker.

„Hört mir einfach zu. Und bedenkt, junger Prinz, ich sehe es an euren Augen, wenn ihr abschweift.“

Meister Vinda kannte ihn einfach zu gut. Seufzend gab Theobald dem Meister ein Zeichen endlich anzufangen.

 

„Sie kommen, weil wir anders sind!

Sie kommen, weil unser Blut zu mächtig ist!

Sie kommen, weil wir zu viel wissen!

Sie kommen, weil wir zu viel sehen!

Sie kommen, weil wir zu viel hören!

Sie kommen, weil wir die Natur lieben!

Sie kommen, weil wir nicht an ihren Gott glauben!

Sie kommen, weil wir unser Haupt nicht vor ihrem König beugen!

Sie kommen, weil wir nicht kämpfen wollen!

Sie kommen, um uns zu töten!

 

Ich sage euch: So lasst sie kommen! Lasst sie sehen, dass unsere Andersartigkeit nicht schlechter ist als die Ihre für uns! Lasst sie sehen, dass unsere Gaben dazu dienen, das Leben wertvoller, die Natur reiner, die Wesen würdiger zu behandeln. Öffnet die Tore eurer Hallen des Wissens, lasst sie teilhaben, sollen sie von uns lernen, wie auch wir einst gelernt haben! Wenn sie wissen, was wir wissen, werden sie sehen, was wir sehen und hören, was wir hören. Sie werden die Natur lieben lernen, wie wir sie lieben und begreifen, dass es nicht nur die Helligkeit oder die Dunkelheit gibt, dass das Sein nicht nur aus richtig oder falsch besteht! Lasst sie in Demut vor der Natur, die sie ernährt, zu Boden sinken und ihre Knie und Häupter ins morgenfrische Moos drücken! Lasst sie die Waffen bei Seite legen, denn wo wir sind, muss man nicht mit Klingen sprechen! Wo wir sind, ist das Leben alles, was von Bedeutung ist!

Lasst sie kommen, und begrüßt sie mit offenen Armen! Begrüßt sie freundlich, lächelnd, ohne Furcht im Herzen. Denn ihr habt nichts zu fürchten! Seht mich an! Ich habe sie gesehen, ich habe mit ihren Anführern gesprochen. Sie sind keine Mörder, die unsere Kinder töten wollen und unsere Frauen misshandeln! Sie sind ein Volk auf der Suche nach einer Heimat. Sie suchen Ruhe. Lasst uns ihr sicherer Hafen sein. Lasst uns an sie glauben, damit sie es umgekehrt auch können.“

 

Theobalds Laune entsprach der kalten, gehässigen Art seines Vaters. Beide konnten wankelmütig, jähzornig, aufbrausend und vernichtend sein. Aber seine kindliche Neugierde trieb ihn manchmal noch in die Ecke. Dann stand er da, unfähig sich zu rühren. Und als er in die Augen von Meister Vinda sah, wusste Theo: Er hatte verloren.

Die Neugierde war geweckt, die Ecke betreten. Er brauchte seinen Meister, um das Rätsel zu lösen. Und zu wissen, dass er abhängig von einem anderen war, ließ den jungen Prinzen innerlich vor Wut kochen. Irgendwann würde er dem alten Mann die Zunge herausreißen, sie an der Wand aufspießen und ihm dann ins Gesicht brüllen: Jetzt kannst du mir keine Sachen mehr vorlesen, die ich nicht verstehe! Jetzt lockst du mich nicht mehr in die Falle!

„Was ist das, Meister Vinda?“ Theos Stimme verriet nichts von seinen wahren Emotionen.

„Welches der verstoßenen Völker hat es geschrieben?“

„Keines.“

Vinda lächelte dieses liebevolle, nachsichtige Lächeln, welches Theos Jähzorn beflügelte. Nein. er würde nicht nur seine Zunge herausreißen, er würde den Mann ertränken lassen. Wie es sein Vater mit allen tat, die er nicht leiden konnte.

„Es ist aus einer Zeit, die den Beginn unserer Ära einläutete. Von einem Volk, das heute nur noch ein Schattendasein führt, obwohl es selbst im Schatten … nur noch ein Schatten ist.“

Ertränken war offenbar zu gnädig für Vinda.

„Kommt endlich auf den Punkt.“

Überrascht von der scharfen Zurechtweisung seines Schülers runzelte Vinda die Stirn. Die weißen Haare des Meisters waren sorgsam im Nacken geschlossen, die dunkelbraune Kutte schlicht und eigentlich seinem Stand als Gelehrter unwürdig.

„Auf den Punkt? Prinz Theobald, in meinem Alter habe ich es scheinbar nicht mehr so eilig wie ihr in dem euren. Ich habe euch diesen Text nicht vorgelesen um in der Vergangenheit zu schwelgen. Ich möchte, dass ihr den Bezug zur Jetztzeit erstellt und darüber dann einen sieben Seiten langen Aufsatz schreibt.“

Theobalts Augen verengten sich zu schmale Schlitze. Heißes Öl. Er würde Vinda damit persönlich überschütten.

 

Jetztzeit – mitten in Deutschland

 

„Komm, mein kleiner Engel. Mach dich bettfertig und ich erzähle dir noch eine Geschichte.“

Hellblaue Augen legten sich zärtlich, aber zugleich auch müde, auf das Gesicht des sommersprossigen Mädchens. Die Kleine hatte eine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, wodurch jedes strahlende Lächeln zu einem Schmunzeleinfänger für den Betrachter wurde. Ja, Iris konnte es nicht leugnen: Ihre Tochter hatte das große Herz und die unglaubliche Wärme von ihr geerbt. Die dunklen Augen hingegen hatte ihr Vater ihr vererbt. Ein inzwischen vertrauter Zug, der Offenheit und Treue vermittelte, Bodenständigkeit.

„Mama! Erzählst du mir wieder von den Ashai und von der Prinzessin? Und ihrer Flucht?“

Iris hatte sich so an die Stimme des Mädchens gewöhnt, dass sie sie nicht mit Worten beschreiben konnte. Würde er kommen, er würde sofort sein Kind in ihr sehen. Er würde sich hören, Bewegungen erahnen, die sein Erbe waren. Iris musste Geduld haben, und bis dahin die Rolle, in der sie gefangen war, leben.

„Mama!“

Sich auf Yana konzentrierend, vermied Iris den Gedanken an ihren derzeitigen Lebensgefährten – Toben. Sie hatte ihn zum Schutz geheiratet, aber am Ende war alles nur eine Form der Illusion. Gut. Nicht alles, aber zu viel.

„Du meinst die Geschichte von der Prinzessin Risanja, Tochter aus dem Hause Quin?“

„Ja, genau die. Und ihr Prinz, Vaeis, dieser Prinz von den Ashai und …“

Aufgeregt begann ihre kleine Zuckerfee auf dem Bett zu springen. Heute Abend sah sie wirklich ein wenig wie eines dieser Fabelwesen aus! Ihr kleiner Bauch fixierte den Gummizug des rosaroten Tüllrocks, ihr Oberkörper steckte in einem violetten Body aus glänzenden Jersey und in ihren Haaren befanden sich unzählige rosarote und violette Kunstblüten. Das Herzstück der Zuckerfee waren jedoch die schillernden, bunten Flügel und der Zuckerstangenzauberstab. Die Flügel, an der Schulter gehalten von Gummibändern, wackelten bei jedem Sprung als würden sie schlagen, und mit der Zuckerstange fuchtelte ihre Tochter so heftig, als wolle sie eine ganze Armee an Feinden verhexen.

„Yana! Bitte! Hör auf wie eine Verrückte auf dem Bett zu Springen. Wenn ich erzählen soll, dann ziehst du dir endlich deinen Pyjama an, gehst dir noch die Zähne putzen, machst …“

„ ... machst Pipi, Abwischen nicht vergessen und kriechst unter deine Prinzessinnendecke. Ich weiß, Mama.“

Yanas Augen schimmerten keck. Für eine Sekunde hielt die kleine Fee in allem was sie tat inne. Sie legte den Kopf schief und sah ihre Mutter an. Sie sah ihr direkt in die Augen, dann lächelte sie. Ein kleines, liebevolles Lächeln, welches mitten in das Herz von Iris kroch.

„Ich hab‘ dich lieb, Mama.“

Yanas Stimme bekam einen Tonfall, der vollkommene Ehrlichkeit und Liebe widerspiegelte.

„Ich dich auch, Yana.“

Iris schluckte, ihre Stimme gab beinahe unter den nächsten Worten nach: „Du bist meine Prinzessin, weißt du das?“

Für Sekunden spürte die junge Mutter das verräterische Kribbeln in der Nase. Sie hielt den Atem an.

„Ja, das weiß ich, Mama. Und du …“, das Lächeln ihrer Maus wurde zu einem frechen Grinsen. Yana sprang mit einem Satz vom Bett auf den Teppichboden, „ …du bist die böse Stiefmutter!“

 

Vor Freude über ihren gelungenen Scherz laut quietschend, rannte Iris Tochter lachend hinaus in den Hausgang. Wie immer nahm sie dabei die Kurve zum Bad fast zu eng. Aber eben nur fast. Den Kopf schüttelnd, holte Iris einmal tief Luft. Draußen war es bereits dunkel und das rustikale Bauernhaus aus dem letzten Jahrhundert vollkommen still. Toben würde erst in ein paar Stunden von seiner Arbeit zurückkommen, sie hätte also, wenn Yana endlich schlief, Zeit für ein entspannendes Bad.

Iris hellblaue Augen glitten prüfend durch den Raum. Yanas Kinderzimmer war der Traum eines jeden kleinen Mädchens. Ein Himmelbett, funkelnde Prinzessinnenkleider, Bücher ohne Ende, ein paar Puppen inklusive einem Holzpuppenhaus … Yana wurde von Toben vergöttert. Und weil er ihre Tochter so abgöttisch liebte, ehrte und achtete Iris wiederum ihn.

Seufzend begann sie die Röcke wieder in den offenen Schrank zu hängen, die Unterhosen zusammenzusuchen, die Sockenpaare wieder zu wahren Paaren zu machen. Yana hatte heute Besuch gehabt. Emma, das Nachbarsmädchen war ein knappes Jahr älter als ihre kleine Prinzessin und liebte nichts mehr als fremde Kleider anzuprobieren. Also musste am Ende jedes Kleid, jede Hose, jeder Rock bis hin zu den Socken, im Spiegel an Emma betrachtet werden. Es war spannend, wenn man sah wie sich die Kinder teilweise gleich, teilweise jedoch vollkommen unterschiedlich entwickelten. Lag das an dem gravierenden Unterschied der Herkunft?

Summend hörte Iris die vertrauten Geräusche ihrer Tochter aus dem Badezimmer. Es war eine allabendliche Routine geworden: Wie Yana den Klodeckel so schwungvoll aufriss, dass er krachend gegen die Wandfliesen donnerte. Wie sie sich auf dem WC positionierte und die nackten Oberschenkel leise an der Brille quietschten. Wie sie das Klopapier herunterriss (und meistens tat Yana das in der Mitte eines Stücks, nicht auf dem Abrissstreifen, welcher dafür vorgesehen wäre) und wie sie am Ende umständlich beim Waschbecken hantierte.

Innehaltend glitt Iris Finger über ihre Halskette. Es war das Symbol von zwei Flügeln, die in der Mitte an einem Stab fixiert waren. Die Menschen nannten sie Engelsflügel, Iris hingegen nannte sie Agga und Äure. Zwei längst verstorbene, einst mächtige Krieger, die dem ganzen Reich Frieden schenkten, indem sie ihre Flügel zum Wohle aller ausbreiteten.

Aus dem großen Fenster von Yanas Schlafzimmer hinaus in die dunkle Nacht schauend, musste sie nichts mehr sehen. Sie wusste um den Anblick, der sich unter Tags bot: Weite, grüne Wiesen, Pferde, die friedliche grasten, Weizen, der sanft im Wind wog.

Ihr Mann war ein ausgeglichener Ökobauer und Züchter, vom Charakter her bodenständig und treu. Er bebaute unzählige Hektar in unterschiedlichster Weise. Vor allem wenn er Iris Geschichten erzählen hörte, musste er lächeln. Nein. Toben glaubte nicht an die Welt, die Iris Yana näherbrachte. Er glaubte nicht an geflügelte Krieger, Steinwesen und Schwarze Hände. An Magie, Kriege, die verloren gehen und Prinzessinnen, die man retten muss um seine Bestimmung zu erfüllen. Er glaubte an Boden- oder Blutwerte. An Nährstoffe und mathematisch überprüfbare Endergebnisse.

Ihre Augen glitten hoch zum nächtlichen Himmel. Stern über Stern war hinter der spiegelnden Glasfläche zu erahnen. So viele und doch viel zu Wenige.

Denn Aurelis war nicht hier, Moquar war nicht hier. Rahel war nicht hier.

Bitter schnitt ihr das Gefühl des Verlustes ins Herz. Die Hand fester um die Halskette schließend, verlor sie sich für Sekunden in Erinnerungen und hörte nicht, wie Yana zurückkam.

 

„Mama, warum bist du traurig?“

Zaghaft wurde die Frage in die Stille des Raumes geworfen, fast als hätte die kleine Maus Angst vor der Antwort. Aber sie riss ihre Mutter damit zurück in die Gegenwart.

„Wie kommst du darauf, dass ich traurig bin, Prinzessin?“

Iris lächelte bei der Frage, liebevoll und sanft, während die Halskette wieder in ihren Ausschnitt glitt und zwischen ihren Brüsten verschwand.

Yana erwiderte das Lächeln nicht. Ihre braunen Augen sahen bestürzt aus, dann leidend und am Ende begann ihre Unterlippe zu zittern.

„Na weil du weinst.“

Leseprobe Band 1 - Ende

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